Stiftung

Hilfe für Kinder

„Kinder haben mir immer leidgetan“

Es war dieser Tag im September 1964.

Der schlimmste Tag im Leben von Anita und Heinz Nies.

Ihr Sohn Christoph hatte nur einige Wochen gelebt .

Die jungen Eltern kamen in die Düsseldorfer Uni-Klinik und waren fassungslos, als sie vom Tod ihres ersten Kindes erfuhren. Die Trauer fiel auf sie. Der Oberarzt sprach sein Beileid aus. Er konnte den plötzlichen Tod auch nicht erklären. Der Mann in der Pathologie fragte: "Wollen Sie Ihren Sohn noch einmal in den Arm nehmen?"

Das war der Augenblick, der ihnen das Herz zerriss.

Heute, 55 Jahre später, sitzt Heinz Nies in Stuttgart-Botnang in seinem Sofa. Während er über die schrecklichen Ereignisse von damals spricht, glänzen Tränen in seinen Augen. Noch immer geht ihm der Tod seines Sohnes nach. Während die Wörter leise aus ihm quellen, ist seine Erschütterung mit Händen zu greifen.

Liebe zu Kindern war größer als je zuvor

Dabei hatte alles so wundervoll angefangen. Die erste Begegnung mit seiner Anita, bei einer Reise in den 50ern, die die beiden unter anderem nach Lourdes, Fatima und Santiago de Compostela führte. Die erste Begegnung, die ihr Leben bestimmen sollte.

Wie groß war die Freude über ihren Christoph, ihr Stolz, ihr Glück! Als dann aber die Welt um das junge Paar zusammenbrach, stürzten sie in einen Abgrund. Doch gerade in diesen schwarzen Stunden wurde Anita und Heinz klar: Ihre Liebe zu Kindern war größer als je zuvor.

Das war der Ursprung von dem, was 54 Jahre später, im Dezember 2018, als "Anita und Heinz Nies-Stiftung" das Licht der Welt erblickte. Als schließlich alles gut wurde.

Heute lebt Heinz Nies, der Zeit seines Lebens als Revisor bei der Bayer AG arbeitete und dabei in der ganzen Welt herumkam, als Rentner in seiner geschmackvoll eingerichteten Wohnung tief im Stuttgarter Westen. Heute erzählt er seine Geschichte, die Geschichte seiner Familie. Von Anita und Christoph. Aber auch von seiner Tochter Anne, die 1965 zur Welt kam und jetzt in einer Wohnung nebenan lebt.

Verbunden geblieben mit der Düsseldorfer Heimat

Wer den Mann sieht, der wohl gewogen seine Worte wählt, sieht einen scheinbar glücklichen, älteren Herrn vor sich. Einen Herrn, der die Literatur liebt, der die Kunst, schöne Möbel und echte Gemälde aus seiner Düsseldorfer Heimat schätzt. Die Heimat hat Heinz Nies nie aufgegeben. Immer wieder fährt er nach Düsseldorf, wo er eine kleine Wohnung besitzt. Nie im Leben würde er sich von seiner Heimatstadt trennen, obwohl er schon seit Jahren im Schwäbischen lebt. Er liebt die Zugfahrten in die Rheinmetropole, den Blick über den Strom, den vertrauten Dialekt. Und den Besuch bei seiner Frau.

Sie liegt auf dem Gerresheimer Friedhof im Osten der Stadt im Familiengrab, wo auch Heinz Nies‘ Eltern und der Sohn Christoph begraben sind.

Anita starb vor zwei Jahren. Doch in der Welt ihres Mannes ist sie noch immer sehr präsent. An seinem Finger trägt er noch heute ihren Ehering. Und er redet so, als sei sie gerade nur einmal kurz weg, mal eben einkaufen gegangen. Heinz Nies, der sich für dieses Porträt partout nicht fotografieren lassen will ("Können Sie nicht lieber Kinder abbilden?"), war sich mit seiner Frau zeitlebens einig, ihr gemeinsames Vermögen armen Kindern zukommen zu lassen. Seit Dezember 2018 unterstützt die Anita und Heinz Nies-Stiftung hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche, insbesondere in Indien: Waisen, Ausgesetzte, Kinder aus Slums. Warum das Ehepaar vor allem das indische Waisenhaus "St. Catherine‘s Home" in Mumbai - früher Bombay - und die dortige "Society of the Helpers of Mary" bedenkt, ist eher einem Zufall geschuldet. Vielmehr einem Zufall namens Maria Aswerus. Als junge Frau hatte sie in den 60er Jahren das besagte indische Waisenhaus besucht. Das Ehepaar Nies hatte sie auf der Reise nach Lourdes und Fatima kennengelernt und den Kontakt zu ihr aufrechterhalten. Als 1964 die Tragödie über Anita und Heinz hereingebrochen war und in beiden der Wunsch immer mächtiger wurde, Kindern zu helfen, machte "Tante Maria", die auch Patentante von Tochter Anne ist, sie auf das "St. Catherine’s Home" aufmerksam.

Engagement der indischen Schwestern begeistert Ehepaar Nies

So fügte sich das Schicksal ein weiteres Mal. Es entstand die Verbindung nach Indien. Als Heinz Nies später, im Jahr 1971, für die Bayer AG in Mumbai zu tun hatte, nutzte er die Chance, die sich ihm unvermittelt bot. Er fuhr zum Waisenhaus und machte sich vor Ort selbst ein Bild von der Einrichtung, die er seit Jahren unterstützt hatte. Begeistert vom Engagement der Schwestern spendete das Ehepaar Nies auch in der Folgezeit immer wieder für das "St. Catherine’s Home".

Nach Anitas Tod war es eigentlich Heinz Nies‘ Plan, so weiterzumachen. Bis er beim Surfen im Internet unvermittelt die Anna-Huberta-Roggendorf-Stiftung fand, die die Society of the Helpers of Mary unterstützt. Spontan begeisterte sich Heinz Nies für die Idee einer Stiftung. So kam er auf den Gedanken, sein Geld langfristig anzulegen. Und zwar nicht in einer fremden, sondern in seiner eigenen Stiftung. Die sollte auch nicht irgendwo in Berlin sitzen, sondern direkt in seiner Nähe, in seiner neuen Zweit-Heimat Stuttgart.

Im Internet stieß er auf die Homepage von Lebenswerk Zukunft, der CaritasStiftung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Weil sein Herzensanliegen recht eindeutig war, konnte er die Formalitäten und das Verfassen der Satzung recht schnell klären. Am 20. Dezember 2018 war es dann soweit: Heinz Nies setzte seine Unterschrift unter das Dokument, das die Gründung seiner Stiftung besiegelte. Die Gründung seiner Stiftung - und der Stiftung seiner Frau natürlich.

Weitsicht und Humor als Grundkonstanten

Sein planvolles, weitsichtiges Walten hat Heinz Nies auch danach beibehalten, das ihn ebenso charakterisiert wie der tief sitzende Humor des Rheinländers. Für die Zukunft hat der 86-Jährige seine Pläne genau abgesteckt: "Wenn ich sterbe - und das dauert ja nicht mehr lange -, dann wird meine Tochter die Geschicke der Stiftung übernehmen. Aber die lebt ja auch nicht ewig. Wenn sie auch tot ist, dann wirkt unser Vermögen weiter."

Heinz Nies hat alles geregelt. Er sitzt in seinem Sofa und weiß sein Lebenswerk in guten Händen. "Kinder haben mir immer leidgetan", sagt er jetzt. "Deshalb soll mein Erbe ebenfalls in die Stiftung fließen."

Dann wird er schon lange wieder bei seiner Anita sein. Auf dem Gerresheimer Friedhof in Düsseldorf. Oder besser: im Himmel.